Mittwoch, 28. März 2018

Trotz und Gelassenheit. London 2018

Während wir unsere Rollkoffer die High Street von Winchester hinunter ziehen, atme ich tief durch. So fühlt sich Ankommen an. Die Straßen sind voll, aber nicht überfüllt, es wird geredet, aber nicht geschrieen, gelaufen, aber nicht gerannt; wir sind draußen, raus aus London, big city, bunt, schrill, vielfältig- also alles, was erwünscht ist durch die "offene Gesellschaft", der sich verpflichtet fühlen soll, wer nicht als Rassist_in gelten will, einerseits, anderseits aber auch: teuer, elitär, abstoßend gegenüber all jenen, die sich das Hektische, Globale und Exotische nicht leisten können oder wollen, die alt sind, krank sind, scheu sind, verklemmt sind, traditionell gebunden sind. Allseits geforderte "Offenheit" , so habe ich - wieder einmal erfahren, fast körperlich - kostet was: Stressresistenz, Angstüberwindung, innere Abhärtung gegen die Zumutungen der Andersartigkeit (vulgo: jene arrogante Gleichgültigkeit, von der schon Simmel im Angesicht der Großstädte des 20. Jahrhunderts schrieb) und vor allem, allem - Geld, Geld, Geld.

London war großartig. Und widerlich. Wir sahen am ersten Abend in Theaterdistrict nahe des Leicester Square das Musical "Girl from the North Country".  Aus der U-Bahn-Station heraus kommend, fühlten wir uns im ersten Höllenkreis: Gedrängel, Geschrei, Geschubse, Gesaufe; Alt-Sachsenhausen an einem Samstagabend hoch 10. Dennoch oder deswegen gilt ein Theatererfolg in UK erst etwas, wenn die Inszenierung es hierher schafft, in den Theater District Londons. Drinnen im Noel Coward-Theater ist dann auch alles wieder ganz anders: zivilisierte Mittelklassemenschen, die sich flüsternd unterhalten. Ich bin kein Musical-Fan. Dieses Stück von Conor McPherson mit Songs von Bob Dylan jedoch schaffte es, mich fast bis zu Tränen zu rühren. Auch Morel ging es nicht anders Bei ihm jedoch wundert das weniger, verehrt er doch Bob Dylan auf beinahe religiöse Weise. Ich war skeptisch, trotz der guten Kritiken, die McPherson Inszenierung erhalten hatte. Denn ich verehre den Barden aus Minnesota so wenig wie irgendeinen. Aber ich erfuhr an diesem Abend, was ich schon geahnt hatte: Dass Dylans Songs weit über ihre pophistorische Bedeutung hinaus tragfähig sind, dass sie Gefühle und Gedanken weit jenseits ihrer biographischen und historischen Verortung transzendieren können, zeitlos gültig und zugleich konkret erfahrbar werdend. Allerdings, so glaube ich, nur dann, wenn sie durch Musiker_innen und Sänger_innen vorgetragen werden, deren Können das des Songwriters übersteigt. So wie an jenem Abend in London, als Sheila Atim "Tight connection to my heart/Have you seen my Love" auf eine Weise sang, wie ich es nie zuvor gehört hatte, oder Sam Reid und Claudia Jolly "I want you" vortrugen, das es einer das Herz brechen konnte. McPherson hatte von Dylan das Einverständnis erhalten, sich aus dessen Songbook frei zu bedienen (man kann vermuten, dass dies von Dylan - leider - keine Geste der Anerkennung ist, sondern bloß der Gleichgültigkeit) und er wählte nicht das Offensichtliche, sondern Songs, die im Kontext der Geschichte, die er erzählt, gänzlich neuen und unerwarteten Sinn entfalten. Die Erzählung ist vor Dylans Lebenszeit angesiedelt, auf diese Weise vollständig befreit von allen biographischen Zusammenhängen, wie McPherson im Programmheft betont. Allerdings wird ein geografisch-historischer Bezug hergestellt: Die Geschichte spielt in Duluth, Minnosata an den Großen Seen, dort wo Dylan aufwuchs. 


Zur Zeit der Depression führt Nick Laine (Game-of-Thrones-Darsteller Ciaran Hinds) dort ein heruntergekommenes Gasthaus, das mit Hypotheken belastet ist. Seine Frau Elizabeth (die grandiose, kleine Shirley Henderson) leidet unter einer psychischen Erkrankung, die sie regredieren lässt. Sohn Gene imaginiert sich eine Karriere als Schriftsteller, Ziehtochter Marianne ist schwanger und will den Vater des Kindes nicht nennen. Verzweifelt kämpft Nick gegen die drohende Obdachlosigkeit seiner Familie. Dass Marianne schwarz ist, von ihren Eltern im Gasthaus einfach zurückgelassen, verkompliziert die Situation noch. Außerdem leben im Gasthaus der Bankrotteur Burke mit seiner Frau und dem zurückgebliebenen erwachsenen Sohn. Eines Abends treffen ein Bibelverkäufer und ein schwarzer Ex-Boxer im Gasthaus ein und verändern die Dynamik zwischen den Bewohnern. Am Ende verlassen alle Nicks Gasthaus und ziehen weiter, in ungewisse und prekäre Lebensverhältnisse. "Girl from North Country" erzählt von den Sehnsüchten verarmter und bedrängter Menschen in einem durch Rassismus und Sexismus geprägten Umfeld. Und Dylans Songs, vorgetragen von einem hervorragenden Ensemble und einer brillanten, im Hintergrund der Bühne spielenden Band werden nicht als Illustration zu den Geschichten der Figuren eingesetzt, sondern bisweilen als Kontrapunkte, Erweiterungen, Dehnungen; sie eröffnen das Sehnsuchtspotential dieser Figuren, das in der erzählten historischen Situation keinen Platz hat, aber ihn hier erhält. In diesem Sinne, der völlig kitschfrei ist, kann man McPherson Stück als romantisch bezeichnen. 

Das Noel-Coward-Theater, in dem Schauspieler-Legenden wie Cary Grant, Vivian Leigh, Laurence Olivier aufgetreten sind, bot dem Stück, dessen letzte Aufführung wir am 24. März besuchten, einen wunderschönen Rahmen. Ärgerlich allerdings, dass man meinte, am Eingang jenes Schild als "Trigger-Warnung" aufstellen zu müssen:



Ein neues "Juste Milieu", das sich hartnäckig weigert, seine eigene zentralistische Machtposition anzuerkennen, sondern sich albern retro-oppositionell gebärdet, verlangt unnachgiebig die Berücksichtigung aller seiner Prüderien in der Öffentlichkeit. Was es mit großer Geste tabuisiert, wird ihm desto härter als Trotzreaktion all jener entgegenschlagen, die sich nicht in seiner Mitte verorten können oder wollen, die auf ihrem Eigensinn, ihrer Sexualität, ihren Normen und Traditionen beharren und dabei von jenem Milieu noch nicht als paternalistisch zu betreuende Exoten entdeckt worden sind. 

Kew Gardens besuchten wir am Sonntag, wie zahllose britische Familien mit ihren kleinen Kindern auch. Zwischen den Narzissenteppichen trotzte ein kleiner Batman, der später unter den "not so vegetarian vegetables", den entzückenden Killer-Pflanzen, aber wieder ganz zufrieden wirkte. Am Eingang zur Bahnstation brannte ein Van aus, was die englischen Sonntagsspaziergängerinnen gelassen zur Kenntnis nahmen. Vergeblich suchte Morel später in den Londoner Gazetten nach einer Erwähnung des Vorfalls. In Chiswick suchten wir fast vergeblich nach Hogarth´ House, das eingeklemmt zwischen zeitgenössisch hässlichen Appartementbauten und einer 6spurigen Stadtautobahn nur schwer zu entdecken ist. Dass der Maler und Grafiker vom Erkerfenster des Hauses einmal auf weite Felder hinaussah, ist kaum mehr vorstellbar. Aber er hätte es sicher vermocht, auch dieser Situation eine satirische Pointe zu entlocken. 

Natürliche Naturfreunde. Harrods Schaufenster
Chiswick, so schien uns, ist der Prenzlauer Berg Londons, nur dass die Schraube noch ein wenig überdrehter angezogen wirkt. Während Viertel wie Chelsea, wo einst Mick Jagger tobte, Vivienne Westwood provozierte und die Hippies die Straßen bevölkerten, jenseits des Sloane Squares, wo die üblichen Edel-Marke-Boutiquen ein kaufkräftiges, aber uninspiriertes Publikum anlocken, wie tot wirkt, vermutlich, weil viele der ausrenovierten Backsteingebäude allenfalls noch als  Zweit-, Dritt- oder Viertwohnsitz genutzt werden, haben sich die wohlsituierten Doppelverdiener mit Kinderwunsch nach Chiswick (oder in ähnliche Stadtteile) zurückziehen müssen, wo eine Familienwohnung allerdings auch nicht unter 800.000 Pfund zu haben ist, inklusive Risse in der Decke und Schimmelflecken überall. Man, so stellen wir uns vor, plagt sich also in der City in einem 50-Stunden-oder -mehr-Job (beide Eltern, ein Gehalt allein finanziert so ein Leben nicht), hetzt sich ab, um die Kinder irgendwo abzuholen, wo sie tagsüber betreut werden, richtet sich prächtige Küchen ein, die man fast nie nutzt, achtet auf organische Klamotten, kauft den Kindern Bio-Eisund fliegt um die Welt, geschäftlich wie  privat. In Chiswick, selbstverständlich, ist man liberal, liebt das Exotische, vor allem kulinarisch und modisch. Die offene Gesellschaft kostet Nerven und Lebenszeit, sie hinterlässt einen gigantischen ökologischen Fußabdruck und tiefe Ringe unter den Augen. Derweil müssen die Putzkräfte, die die halbherzig renovierten Reihenhäuser in Schuss halten, wahrscheinlich drei Stunden mit dem Bus unterwegs sein am Abend in ihre weit außerhalb gelegenen noch schäbigeren Quartiere. 

"A hidden gem" im hektischen London ist die grandiose Wallace Collection, der wir einen ganzen langen Vormittag widmeten. Wie im John Sloane Museum wird hier eine Sammlung präsentiert, die bis zum heutigen Tag den Eigensinn jener ausstrahlt, die sie zusammentrugen. Statt auf weißen Wänden Einzelstücken einen übertriebenen Platz einzuräumen, der ihre Bedeutung überhöht (und sie nicht selten sogar parodiert), findet sich hier ein Zusammenspiel von Möbeln, Sammelvitrinen und eng gehängten Bildern (Schwerpunkte bilden die italienische, französische und niederländische Malerei des 17.- 19. Jahrhunderts). In jeden Raum führt eine kurze Beschreibung über seine Geschichte und Ausstattung ein, Sitzgelegenheiten überall laden dazu ein, die ausführlichen Beschreibungen zur Provenienz und zum Kontext der verschiedenen Artefakte, die in Foldern dargelegt werden, gründlich zu studieren. Don´t miss it.


Wallace Collection London

Wir hatten interessante Tage in London. "Man kann", so schrieb ich 2010 in diesem Blog, London nicht lieben. Wenigstens ich kann es nicht. Aber ich liebte vieles in London." So bleibt es. 

Nun genießen wir den langsameren, gediegeneren Rhythmus, mit dem uns Winchester in Hampshire empfangen hat. See you soon.


Verwandte Links
St. Pancras (2010)
Unterwelt (2010)
Oxford Street (2010)
Über Schönheit: Sehen und gesehen werden (2010)
Rude Britain (2010)
"Taming the Screw" in Coram´s Field (2010)
Abschied von London (2010)

und:

die Serie über die Graphiken von William Hogarth; alles unter dem Label:

Hogarth








Dienstag, 20. Februar 2018

IDA. Ein Bildungsroman (1)

Als Ida Lenko 8 Jahre und 33 Tage alt war, beschloss sie, Mörderin zu werden. Der Bus, in dem Ida saß, hielt an der Haltestelle Ecke Goethestraße/Benediktusweg. Ida hatte die Wange an die mit einer Eisschicht bedeckte Fensterfront gelehnt und mummelte sich enger in ihren Schal, als die Mitteltür sich öffnete und Samet zustieg. Ida schob das Kinn noch tiefer in die grobe, graue Wolle und zog mit der rechten Hand ihre Mütze tiefer ins Gesicht. Samet setzte sich neben sie, ohne sie zu erkennen. Er achtete nicht auf kleine Mädchen (oder Buben), sondern tackerte unablässig auf seinem Handy herum. Gewöhnlich stieg Ida am Eichendorff-Platz aus, aber sie wagte es nicht, Samets Aufmerksamkeit durch eine Bewegung oder ein Räuspern auf sich zu lenken. Also blieb sie sitzen und hoffte darauf, dass Samet nicht allzu viele Haltestellen weiterfahren würde. Ida hielt dabei die ganze Zeit über die Augen krampfhaft geöffnet, gegen den heftigen Impuls, sie für einen Augenblick ausatmend zu schießen. Denn sie wusste, welches Bild sie hinter geschlossenen Lidern erwartete. In der Corneliusstraße schließlich, gegenüber vom Eingang ins Barthelomäus-Zentrum, stieg Samet aus, nicht ohne Ida achtlos mit seiner Ellenbogenspitze anzustoßen. Ida zuckte zusammen, etwas zu heftig, und sie fürchtete schon, dass Samet deswegen aufblicken würde, aber er war zu vertieft in seine Handykommunikation, um sich ablenken zu lassen. Ida fuhr noch eine Haltstelle weiter, um dann zurück zu laufen in ihr Viertel, die Wohnblocks hinter dem mit Linden gesäumten Eichendorff-Platz. Ida zurrte ihren Ranzen fester auf ihren Rücken. Ihre Nasenspitze war weiß vor Kälte und Hass.

Samet war frei. Samet lief herum und zockte auf seinem Handy. Samet frass wahrscheinlich gleich Döner im DummDumm, baggerte kichernde dumme Weiber an, die in kurzen Rücken vorbei schlenderten, und hieb seinen Kumpeln, die sich wieder um ihn scharen würden, auf den Rücken: „Brudär, Alter.“ Jona aber hatte, als Ida letzte Woche bei ihm gewesen war, das Gesicht mit der versehrten Seite zur Wand gedreht und, wie seit dem Nikolaustag, kein Wort mit ihr gesprochen, keines mit ihr und keines mit seiner Mutter, seiner Schwester, seinem Onkel. Jona war verstummt, während Samet sich also wieder einen schönen Tag machte.  

Deshalb wollte Ida, dass Samet tot wäre und dass sie ihn umgebracht hätte. Ida stellte sich vor, während sie die Straße hinuntertrabte, wie sie Samet ein Messer zwischen die Rippen stieß, wie sie Samet vor die Straßenbahn schubste, wie sie Samet mit einem Spaten erschlug. Aber Ida wusste auch, dass nichts davon passieren würde, denn Ida begriff sehr wohl, dass sie zu klein und zu schwach war, um Samet anzugreifen. Man müsste, dachte sie, ihn vergiften. Das müsste ich können, dachte Ida, während sie mit dem Fahrstuhl in den 8. Stock fuhr. Sie schloss die Wohnungstür auf. Ihre Mutter schlief noch nach der Nachtschicht, aber Marian, der schon auf die Gesamtschule ging, saß in der Küche und schlürfte Suppe. „Samet ist frei.“, sagte Ida und knallte ihren Ranzen in die Ecke. Marian blickte nicht einmal auf. „Was hast du denn gedacht?“ „Dass er im Knast verrottet, das Arschloch.“, sagte Ida. „Jugendstrafrecht“, murmelte Marian. Ida hatte keine Ahnung, wovon er redete, aber sie erinnerte sich, dass ihre Mutter schon direkt nach dem verheerenden Nikolaustag gesagt hatte: „Der läuft bald wieder hier rum.“ Er hatte vergnügt ausgesehen im Bus, fand Ida. Sie nahm sich einen Teller Suppe und setzte sich Marian gegenüber.

Beide löffelten schweigend den Eintopf in sich hinein, den Mama am Sonntag vorgekocht hatte.  Man müsste ihn vergiften, dachte Ida. Wenn ich das nur könnte. Und Ida beschloss zu lernen. Wie man einen vergiftet. Am besten so, dass es niemand merkt. Ida hatte keine Ahnung, wie und wo man so etwas lernen konnte. Aber sie war sicher, dass sie es herausfinden würde. Selbstverständlich durfte man nicht direkt danach fragen. Sie war ja nicht blöd. Man konnte nicht zu Frau Wagenhaupt gehen und sagen: „Wie und wo lerne ich jemanden zu vergiften?“ Nachdem sie den Suppenteller leer gegessen hatte, putzte Ida sich im Bad die Zähne. Im Schrank standen die Schmerztabletten, die Mama manchmal nahm. Zu viele davon waren giftig. Besonders für Kinder. Das hatte Mama warnend gesagt. In Arzneimitteln ist also Gift, dachte Ida. Man müsste nur wissen, was genau drin ist und wie es wirkt. Es gibt bestimmt ganz viele verschiedene. Wenn ich mich da auskennen würde, dann könnte ich Samet vergiften.

Am nächsten Tag, dem 3. Februar 2008, fragte Ida nach der Deutschstunde Frau Wagenhaupt, was man lerne müsse, um Arzneimittel zu machen. Frau Wagenhaupt sah Ida sehr freundlich an. Sie mochte Ida, die wissbegierig und schnell von Begriff war, eine Ausnahme unter ihren Grundschülerinnen und –schülern, von denen viele keine 5 Minuten stillsitzen konnten. „Da muss man Pharmazie studieren“, sagte Frau Wagenhaupt, „oder Chemie.“  Ida legte ihr Hausaufgabenheft auf den Tisch und zog einen Stift aus der Jackentasche. „Wie schreibt man das?“, fragte sie. Frau Wagenhaupt diktierte ihr das Wort geduldig. „Wie heißt man, wenn man das studiert hat?“, fragte Ida. „Pharmazeutin.“, sagte Frau Wagenhaupt. „Oder Apothekerin.“  „Aha“, sagte Ida. „Willst du das werden?“, fragte Frau Wagenhaupt. „Ja“, sagte Ida. So ein ernsthaftes, ehrgeiziges, kleines Ding, dachte Frau Wagenhaupt. Aber ich traue ihr das zu. Wenn sie sich aus ihrem Milieu lösen kann. „Du kannst das schaffen, Ida“, sagte sie zutraulich. „Du schaffst bestimmt die Empfehlung für das Gymnasium, wenn du so weitermachst.“  Ida nickte. Sie steckte das Hausaufgabenheft ein und bedankte sich bei Frau Wagenhaupt für die Auskunft. Frau Wagenhaupt sah ihr wohlwollend nach, als sie den Raum verließ.

Ida googlte am Nachmittag auf Marians Laptop nach „Pharmazie“. Das stimmte also, was Frau Wagenhaupt gesagt hatte. Das war die Richtung. Ida rechnete: Ich bin in der 3. Klasse. Das heißt, ich muss noch 9 Jahre zur Schule gehen, mindestens, und dann studieren. Noch mal 6 Jahre. Aber vielleicht kann ich ja schon nach 3 oder 4 Jahren genug, um Samet zu vergiften. Es wird trotzdem schwer, dachte Ida. Denn ich muss Samet ja die ganze Zeit im Auge behalten, damit ich weiß, wo er ist, wenn ich ihn dann vergiften kann. Ida kniff die Augen zusammen. Das würde sie schon schaffen. Wie sagte Mama immer: „Ida hat Durchhaltevermögen.“ Marian nannte das „starsinnig“. Das war Ida. Sie war schüchtern und ängstlich, sie traute sich nicht Samet oder irgendwem was ins Gesicht zu sagen, und das war auch vernünftig, denn Ida war selbst für ihr Alter klein und schmächtig. Aber Ida war auch geduldig und nachtragend und starsinnig. Wie Marian sagte. Ida würde das durchziehen. Lernen und fleißig sein, Samet im Auge behalten, und aufs Gymnasium gehen, dabei Samet im Auge behalten und studieren, immer Samet im Auge behalten, bis sie ihn vergiften konnte.


Und Ida schaffte das, wie sich zeigen sollte, auch wenn dann alles ganz anders kam und Samet nicht der erste wurde, den sie vergiftete.

Samstag, 3. Februar 2018

Mein Multikulti-Alltag



T. war im Sommerurlaub auf Rügen. Sie fand es wunderschön dort: „Die See, die Landschaft, die schönen weißen Häuser. Und überall war es so ruhig und sauber. Klar, da oben gibt´s ja auch so gut wie keine Türken.“ Mir bleibt der Mund offen stehen. T. lacht. „Ich darf das sagen; ich bin ja Türkin.“ Und dann erzählt sie, wie oft sie Stress hat mit den Verwandten in der Türkei, weil sie die mit ihrer Pünktlichkeit und ihrem Ordnungswahn nervt.
Hinten im Raum streitet sich Z., der vor 2 Jahren mit seinen Eltern aus Bulgarien eingewandert ist, derweil heftig mit N., die in der Wetterau daheim ist. Er regt sich auf, weil Schwule sich auf der Straße küssen. N. findet seine Haltung einfach nur „krass“. „Und überhaupt: Was stört dich das denn? Das tut dir doch nix.“ Z. fallen keine Argumente ein, zumal auch der Rest der Gruppe seine Position unmöglich findet. Nur L. und S. geben ihm recht, weil "das eben eklig und unnatürlich" sei.  L. trägt einen Hijab und die dunkelhäutige S. ist in einer evangelikalen Sekte, die ihren Ursprung an der Elfenbeinküste hat. L., die gestern noch betont hat, wie stolz sie ist, Deutsche zu sein, findet: „Übel, was in Deutschland alles erlaubt ist. Zumal, wenn das dann kleine Kinder auf der Straße anschauen müssen.“ Andererseits widerspricht sie S. heftig, als diese behauptet, es sei unmännlich, Arbeiten im Haushalt zu übernehmen.
Einige aus der Gruppe reden später noch über ein neues Video auf youtube, das den Einfluss der jüdischen Geldmafia und die Schuld der Rothschilds an praktisch allen Gegenwartsübeln darlegt: Klimawandel, Armut, Syrienkrieg usw. „Da ist schon was dran. Von nix kommt nix.“, sagt N. und mir fällt ein, dass ihr Dorf eine Hochburg der mittelhessischen Neonazis ist. „Und dieser Soros ist ja auch Jude.“ Der finanziert angeblich gleichermaßen Israel wie den Einmarsch der Muslime nach Ungarn, oder so ähnlich?
Kein Kommentar.


(Cross-Post von www.bzw-weiterdenken.de)

Sonntag, 31. Dezember 2017

Jahresrückblick 2017 (random)

Reisen
Das Jahr begannen wir in Paris, kalt und schön. Liefen uns die Hacken ab im Nebel entlang der Seine, stritten uns in La Vilette, als ein Schiff nicht kam, schauten wieder einmal "An American in Paris" ("I got music..."), aßen üppig (Kartoffelbrei mit Käse!) in der "Ambassade d´Auvergne").

Im April fuhren wir nach BrüsselMorel fotografierte begeistert brutalistische Bauten und Comic Graffitis. Wir entdeckten das schönste Museum des Jahres, das mim (Museum für Musikinstrumente). Mir tat es die Hardangerfiedel an, ein mittelalterliches norwegisches Musikinstrument, das einer Geige ähnelt. Die alten Musikinstrumente werden im mim nicht nur ausgestellt, sondern man kann sie auch hören, an jedem Ausstellungskasten befinden sich Kopfhörer. Und außerdem natürlich: Rubens, Rubens, Rubens - der einfach der Geilste ist. Punkt. Dass Magritte so ein komischer + glücklicher Mensch gewesen ist, kann man im nach ihm benannten Museum erleben, besonders die Kurzfilme waren für mich neu und sehenswert. Wir tranken Himbeerbier (brr...), aßen Pommes (hmmm...) und fabelhafte Hausmannskost im "Les Brigittines". Bemerkenswertes Dessert: Karamellisierte Auberginen. 

Verregnet war der Sommer an der Ostsee, diesmal in Lübeck-Travemünde. (Morel meint: "Mit einem Rollator hätten wir besser ins Bild gepasst.") Sehenswert: Das Hansemuseum in Lübeck - wenig "echte" Ausstellungstücke, aber abwechslungs- und lehrreich präsentierte Handelsgeschichte. Ebenso spannend: Das Willy-Brandt-Haus, wo der Werdegang dieses mutigen, visionären, irrenden und schwierigen Menschen eindrucksvoll und mit vielen originalen Dokumenten (auch Ton und bewegtes Bild) nachvollzogen wird. (Von den Wahlkampagnen Willy Brandts könnte sich die SPD heutzutage auch strategisch und ästhetisch was abschauen.) In der Villa Mare aßen wir nicht, sondern speisten: U.a. Gänseleber 50 Grad mit Brioche. Großartig!

Ende des Jahres waren wir zu Besuch bei Mastermind, der in Berlin ein Praktikum absolviert. Wir sahen "Bella Figura", ein Stück von Yasmina Reza, geschrieben für die Schaubühne.  Brillante Schauspieler (u.a. Nina Hoss und Mark Waschke). Morel gefielen die existentialistischen Wortwechsel, Mastermind und ich konnten uns für die Figurenkonstellationen nicht erwärmen. Die Ausstellung "China und Ägypten. Wiegen der Welt" offenbarte mir vor allem meine Wissenslücken. Wir aßen zum Abschluss am Gendarmenmarkt im "Lutter und Wegner", Schnitzel halt. Normal, überteuert.

(Verkehrsmittel: Bahn.)


Lektüren 2017
(unerwähnt bleibt alles, was einen Verriss wert wäre, wenn ich Verrisse schriebe)

Ewald Frie: Die Geschichte der Welt
Asne Stierstadt: Zwei Schwestern
fortgesetzt: Emile Zola: Die Rougon-Marquart (z.Zt.: Ein Blatt Liebe)
Robert Forster: Grant and I
Edith Wharton: The Gods Arrive
Ronald Paulson: Sin and evil
Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht
G.R.R.Martin: A song of Ice and Fire
J.D. Vance: Hillbilly Elegy
Massum Faryar: Buskashi oder Der Teppich meiner Mutter
Fatma Aydemir: Ellbogen
Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen.
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Sabine Scholl: Die Füchsin spricht
Lyndal Roper: Luther
Edith Wharton: Das Haus am Hudson River
Edith Wharton: Der Prüfstein
Jasna Zajcek: Kaltland. Unter Syrern und Deutschen
Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege
Georgette Heyer: My Lord John
Hedwig Dohm: Schicksal einer Seele
Susanne Schröter: Gott näher als der eigenen Halsschlagader
Nora Bossong: Rotlicht
Cora Stephan: Ab heute heiße ich Margo
Alec Ash: Die Einzelkinder
Jami Attenberg: The Middlesteins
Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Irene Nemirovsky: Pariser Symphonie
Samuel Schirmbeck: Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen
Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!
Barbara Beuys: Helene Scherjbeck. Malerin aus Finnland
Whit Stillman: Love and Friendship
Hubert Fichte: Ich beiße dich zum Abschied ganz zart
Christof Türcke: Lehrerdämmerung
Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde
Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten
Karen Krüger: Eine Reise durch das islamische Deutschland
Celeste Ng: Everything I never told you
Emmanuel Carrere: Das Reich Gottes
Nancy Jo Sales: American Girls. Social media and the secret lives of teenagers
Christian Rudder: Inside Big Data
Bettina Stangneth: Böses Denken
Hillary Mantel: The Assassination of Margret Thatcher
Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel
Eva Ladipo: Wende
Hedwig Dohm: Die Mütter
Silvia Bovenschen: Sarahs Gesetz
Flannery O´Connor: The complete stories


Sonst so
Die Chiffre "Gott" hat für mich ausgedient. Die Mitgliedschaft in der Kirche wurde beendet. Es war der Abschluss eines Prozesses, der insgesamt ein Jahrzehnt umfasste, mit berufsbegleitenden theologischen Studien, einer vertieften Auseinandersetzung mit den abrahamitischen Religionen, Reflexionen zu meiner protestantischen Erziehung und Prägung, was letztlich - nach einem kurzen Aufflackern des alten "SchuldundSühne-Komplexes" - zu einer wachsenden Resignation gegenüber theologischen Fragestellungen und religiös begründeten Moralvorstellungen führte. Hinzu kam gelegentlich der Ärger über die geistige und geistliche Dürftigkeit des Denkens beim Führungspersonals "meiner" Kirche, z.B. Bedford-Strohm und Käßmann. Ich bleibe - selbstverständlich - "Kulturchristin". 


Ein Jahr beruflicher und gesundheitlicher Krisen war das auch, die einander mindestens beeinflussten, wahrscheinlich verstärkten. Der älter werdende Körper reagiert heftiger auf Infektionen und Entzündungen, alles heilt langsamer und weniger nachhaltig. 

Ich habe hier wenig geschrieben, vor allem, weil es von meiner Seite wenig zu sagen gab, mehr nachzudenken, abzuwägen, in Frage zu stellen. Denn die politischen Krisen der Zeit betrachte ich auch als die meinen, des Denkens und des Versagens jener Gruppierungen, denen ich mich - wie immer lose - zugehörig fühle, des von seinen Gegnern sogenannten "rotgrün-versifften Milieus". Der Aufstieg rechtsnationaler bzw. -radikaler Parteien und Personen, die schwierige und häufig auch scheiternde Integration von Migrantinnen und Migranten, der Umgang mit islamistischen Bestrebungen und islamistischem Terror haben in mir Zweifel an eigenen Überzeugungen und Strategien ausgelöst, anders als ich es in meinem Umfeld beobachte, wo ich einen rechthaberischen Trotz wahrnehme, eine moralisch übersteuerte Dauerempörung, kombiniert mit der Unlust Analysen und Überlegungen auch nur zu lesen, die das eigene Weltbild nicht bestätigen. Ich habe keine Antworten gegenwärtig, nur "random"-Fragen (zusammenhanglos, willkürlich, unausgegoren):
- Wie die theoretische Fokussierung der Gesellschaftsanalyse auf Diskursanalyse mit der Konjunktur des Postfaktischen zusammenhängt?
- Ob es eine neue Balance der Analyse von Symbolik und Materie braucht, eine Anstrengung von Natur- und Geisteswissenschaft, sich gegenseitig wieder stärker wahrzunehmen und auszutauschen? 
- Wie sehr "Intersektionalität" als Analyse- und Kampagneninstrument zu einer gefährlichen, Individuen und Individualität gefährdenden, "Identitätspolitik" beiträgt?
- Wieso Teile der feministischen Bewegung Politik für und von Frauen als Teil von Minderheitenpolitiken ansehen und in diese integrieren bzw. diesen unterordnen wollen? (Was teilweise m.E. zu unerträglichen Allianzen mit Israelfeindinnen oder zur unreflektierten Befürwortung der Einwanderung überwiegend junger Männer oder zur Begeisterung für "Modest Fashion" etc.pp. führt) und: Wie dagegen zu argumentieren und zu handeln ist, d.h. auch: welche Allianzen noch möglich sind, welche gebrochen werden müssen?
- Inwiefern eine Kritik des Subjektivismus Verantwortungslosigkeit befördert hat?

Das ist alles - selbst in Frageform - noch sehr vage formuliert. 

Am Ende dieses Jahres fühle ich mich so unsicher in meinen Überzeugungen und Haltungen wie zu Beginn. Aber sicherer darin, diese Verunsicherung fruchtbar machen zu können, langfristig. 

Amazing und Mastermind, unsere Söhne, deren Erwachsenwerden in diesem Blog auch begleitet wurde, haben am Ende dieses Jahres ein 1. Staatsexamen in Jura bzw. einen Bachelor-Abschluss in Psychologie erfolgreich bestanden. Das macht mich froh und stolz. Mastermind wird seine Studien fortsetzen, Amazing ist in unsere Nachbarschaft gezogen  (und damit auch zurück in seine Geburtsstadt) und wird sein Referendariat aufnehmen.

Ich schreibe wieder, bald vielleicht auch hier. Keine politischen Essays wahrscheinlich, sondern literarische Experimente. Ich schließe nichts ab und nichts aus. Ich lerne.

Offenbach, Alter Friedhof, Herbst 2017

Sonntag, 5. November 2017

GOOD BYE DARKNESS MY OLD FRIEND. Eine romantische Männerfreundschaft

Grant McLennan starb am 6. Mai 2006 in Brisbane an Herzversagen. Robert Forster setzt ihm und ihrer Freundschaft, die so romantisch war, wie die Beziehung zwischen zwei heterosexuellen Männern nur sein kann, in der Auto/Biographie "Grant and I" ein Denkmal. 



As he lives my live

Robert Forster gibt in "Grant and I" den Fans der Go-Betweens, zu denen ich seit 30 Jahren gehöre, eine jener Lebensbeschreibungen, die der Verbindung zwischen Werken und Schöpfern nachspüren, den Schaffensprozessen nachvollziehbar machen, die hinter jedem Kunstwerk stecken: Wie das Erlebte eingeht in die Komposition, aber sich auch durch diese verändert, transzendiert wird und - wenn es gelingt - ein Werk entsteht, in dem es nicht mehr nur um die Verarbeitung der eigenen Erfahrungen geht, sondern etwas erkennbar wird, in dem viele sich wiederfinden können. 

2002 planten Forster und McLennan ein neues Album. Wie immer sollten 5 Songs von Forster, 5 von McLennan beigesteuert werden. Wie immer hatte Robert Forster "mehr Worte" und Grant McLennan "mehr Melodien". Forster schnappte sich eine Akkordfolge, so schreibt er, und begann den Text von "Too Much Of One Thing" zu schreiben. Es wurde, so schien es zunächst, ein Porträt des Freundes, dessen tiefer Melancholie er sich immer stärker bewusst wurde: "You might think you see purpose/when what you´re seeing is a band/A thin line like from a spider/upon which I dance." Aber dann wird die Botschaft, die diese Zeilen für den Freund sein könnten, in Eigenrede verwandelt:"I have known a hundred women, and a part of me loves to fail." Forster erkennt: "Nun wusste ich nicht mehr, von wem der Song handelte, und genau deswegen funktioniert er." "Too Much Of One Thing" wurde zur "Ballade der Go-Betweens". 






What I need is persistence

Das Album "Bright Orange. Bright Yellow" entstand in der zweiten Phase der Go Betweens , in den 00er Jahren, als Forster und McLennan wieder miteinander unter dem alten Band-Namen arbeiteten, jetzt ohne Lindi Morrison und Amanda Brown. Das Ende der Band hatten McLennan und Forster 1989 miteinander beschlossen, ohne die beiden Frauen in die Entscheidung einzubeziehen: "Natürlich würden Lindy und Amanda sich nach all den Jahren, in denen sie ihre Arbeit und emotionale Energie in die Band gesteckt hatten, betrogen fühlen und wütend auf uns sein, um mit der gleichen Härte zurückzuschlagen. Amanda, geschockt und aufgebracht, wollte Grant verlassen."

Die Go-Betweens waren nie eine Band, die aus zwei Paaren bestand. Forster und Morrison, die geniale Schlagzeugerin, die beinahe ein Jahrzehnt lang ein Paar gewesen waren, hatten sich schon getrennt, als Amanda Brown und Grant McLennan ein Paar wurden. So war es dann Grant McLennan, der den Preis für die gemeinsame Entscheidung der beiden Männer, dass es genug sei, zahlte. Seine Beziehung zu Amanda Brown zerbrach daran. Denn die beiden Freunde hatten, so lässt es sich zwischen den Zeilen aus Forsters Auto/Biographie lesen, mit einem nicht gerechnet: mit der Freundschaft der beiden Frauen zueinander, deren Beziehung an Intensität und Loyalität offenbar der zwischen den Männern in nichts nachstand. Und so ist auch die Geschichte der Go-Betweens, die sich von vielen anderen Indie-Bands gerade dadurch unterschied, dass immer Frauen mitgespielt hatten, geprägt und beschädigt worden durch die Unfähigkeit von zwei Männern, die Bedeutung der Beziehung von Frauen zueinander richtig einzuschätzen. Forster schreibt: "Es war immer ein Teil des Bildes, das wir von der Band hatten, dass das dritte Mitglied eine Frau sein musste....Wir wollten nicht ausschließlich Männer sein - das war zu starr und vorhersehbar." Aber sie verstanden die Frauen eben nur in ihrer Beziehung zu ihnen, den Singer/Songwriter-Männern. 

Grant McLennan und Robert Forster lernten sich als junge Studenten in Brisbane kennen, zwei Männer aus der unteren Mittelschicht mit einem unstillbaren Verlangen nach mehr, nach Imagination, Inszenierung, Kunst. Sie erkannten einander beinahe sofort. Ähnlichkeiten und Differenzen, ein gemeinsamer Musikgeschmack, die Fähigkeit viel von einander zu lernen über Literatur, Film, Politik. Während Forster noch zu Hause bei seinen Eltern lebte, war Grant schon als Junge von einer abgelegenen Farm aufs Internat nach Brisbane geschickt worden. Ihre Herkunft und ihr Drang sie zu überwinden und ihr gleichzeitig treu zu bleiben, prägte später auch ihre Songs, Grants "Cattle and Cane", Roberts "Born from a Family" zum Beispiel:




I recall a schoolboy 


And changed the system

Wie in vielen Männerfreundschaften ging es auch in dieser weniger darum, sich gegenseitig das Herz auszuschütten, sondern darum, gemeinsam etwas zu machen. Musik, die Band: "The Go-Betweens". Forster warb Lindi Morrison, in die er sich verliebt hatte, von einer anderen Band ab. Forster und McLennan ergänzten sich, aber sie erlebten sich auch als Konkurrenten. Lindi Morrison hatte ihren eigenen Kopf und kam von Anfang offenbar nicht gut mit Grant aus. Die Band zog zunächst nach Melbourne, dann nach London. Neue musikalische und persönliche Allianzen entstanden. Ein Hit, der finanzielle Sicherheit gebracht hätte, stellte sich nicht ein: "Unser Weg würde einem anderen Vorbild folgen, ´the wrong road´, wie Grant einmal singen würde - Fortschritt im Zickzackkurs, das Erleben fremder Städte aus der Perspektive der Armut, von einem Nervenkostüm auf den Prüfstand."




Grant McLennan, Lindi Morisson, Robert Forster
Quelle: https://www.theguardian.com/music/2017/jun/16/
the-go-betweens-right-here-review-love-still-goes-on-for-this-brisbane-band
Photograph: Jeremy Bannister via Sydney film festival

Das öffentliche Image, das McLennan und Forster von sich kultivierten, unterschied sich massiv von den Rollen, die sie füreinander und in ihrem Umfeld spielten. Forster schreibt: "Ich war der flamboyante gepuderte Showman, er zugeknöpft und aufrichtig. Diese Darstellung war schon damals falsch; durch die ...Verzerrungen der Medien und die klaren Umrisse, die der Rockmythos verlangte, wurde unsere Gegensätzlichkeit übertrieben und allzu sehr herausgestellt." Tatsächlich war es Robert Forster, der über die Jahre stabile Bindungen einging und immer wusste, wo er zu Hause war, während McLennan keinen Halt fand. 




Deep down I´m lonely and I miss my friend

Nach dem vorläufigen Ende der Go-Betweens entwickelten sich Forsters und McLennans Leben auseinander, ohne dass der Kontakt jemals abriss. Forster fand bei Regensburg die Frau seines Lebens, Karin Bäumler, mit der er einige Jahre in Bayern lebte, bevor er nach Brisbane zurückkehrte. Grant fiel es schwer, über die Trennung von Amanda Brown hinwegzukommen. Seine Solo-Alben, die in jenen Jahren entstanden, erzählen auch von diesem Schmerz. "Ein Rückfall in unsere wahren Persönlichkeiten, könnte man sagen: Für mich war es das Leben in einem ruhigen Heim mit einer Frau, die ich liebte. Für Grant war es, allein zu sein, und das Bedürfnis nach einem Zufluchtsort..."

Als Forster und McLennan die gemeinsame Arbeit wieder aufnahmen, führten sie vollkommen verschiedene Leben: Forster war Familienvater, McLennan lebte noch immer in wechselnden Wohngemeinschaften und hatte mehr oder minder kurze Beziehungen. In der Auto/Biographie deutet Forster an, wie stark das Leben McLennans in jener Phase vom Alkohol geprägt war. Der tiefen Traurigkeit, die ihn beherrschte, konnte er offenbar nur so Herr werden. Sie schrieben gemeinsam "Finding you": "Es gibt nicht viele Forster/McLennan-Songs wie diesen - echte, altmodische Co-Kompositionen. Und ich weiß zu schätzen, dass wir eine so gute und bedeutsame geschrieben haben wie ´Finding You´."



Or would you sing along?

Als Grant im Mai 2006 völlig überraschend starb, suchte Robert nach Gründen: "Der Verlust seines Vaters. Internat mit elf. Ein ältester Sohn ohne Geschwister, die ihn beschützten. Er war ein Junge vom Land, der nur in der Stadt leben konnte. Er war ein Junge aus der Stadt, der wusste, das ein Teil seines wahren Ichs aufs Land gehörte. Er war ein altkluger, nach Anerkennung suchender Schuljunge, der verspottet wurde, weil er ein Poster von David Bowie an der Wand hatte; der wusste, dass er nicht nur anders war als seine Mitschüler, sondern auch als ein Großteil seiner Familie. Vielleicht fehlte ihm ein bisschen Liebe. Er flüchtete sich in akademische Erfolge - die zu bedeutenden Leidenschaften aufblühten. Der mit Enthusiasmus entflammte Junge brauchte eine Schutzhaut, die die Form einer nie näher hinterfragten Arroganz annahm und diejenigen, denen er begegnete, anzog und abstieß."

Es kann natürlich keine "Gründe" geben. Grant McLennan starb mit 48 Jahren viel zu früh. Er war, schreibt Robert Forster, sein bester Freund, sein Co-Autor, sein Konkurrent, "ein Glaubender. Er glaubte an all die guten, schönen und erhebenden Dinge des Lebens. Gedichtzeilen, die Schatten eines Films, die majestätische Größe eines tollen Popsongs. Er war hochromantisch."



How I miss your quiet quiet quiet heart